Kurzinterview mit Thomas Zintl, Geschäftsführender Gesellschafter der FTR Beratende Ingenieure GmbH
Tobias Zintl: Es sind jetzt 30 Jahre, die du als Fassadenplaner arbeitest. Kannst du dich noch an deinen ersten Arbeitstag erinnern?
Thomas Zintl: Der ist mir tatsächlich sehr intensiv in Erinnerung geblieben. Es war der 2. Mai 1996 im Büro von Richard Fuchs. Meine erste Aufgabe lautete: „Berechnen Sie mal die Heizleistung dieses Glasdachs.“ Warmwasserbeheizte Fassaden waren damals sehr beliebt. Ich kam direkt vom Studium und hatte so etwas natürlich nie gelernt.
To: Wie hat man das damals ohne Internet gelöst?
Th: Man hat jemanden angerufen, von dem man hoffte, dass er jemanden kennt, der wiederum jemanden kennt, der das kann und so hat man sich dann dorthin durchtelefoniert. Die Berechnung habe ich dann tags darauf erstellt, aber das Glasdach ist nicht umgesetzt worden. Es war eine der angedachten Varianten für den damaligen Neubau des Bundeskanzleramts.
To: So war deine allererste Aufgabe im Berufsleben für das Bundeskanzleramt?
Th: Tatsächlich ja. Umso schöner war es dann noch, dass der aktuelle Erweiterungsbau des Bundeskanzleramts vor sechs Jahren zu einem der ersten Aufträge in meinem eigenen Büro FTR wurde.
To: Sicherlich ein Highlight. Welche besonderen Highlights sind dir in den 30 Jahren noch besonders in Erinnerung geblieben?
Th: Ganz weit oben steht natürlich die Elbphilharmonie. Dort war ich zwar im Entwurf nicht mit an Bord, da ich durch andere Projekte ausgelastet war. Aber ich durfte dieses Projekt zur Leitdetailerstellung dann übernehmen und zu Ende begleiten. Ein wirklich einzigartiges Projekt. Auf ganz andere Art und Weise herausragend war die Planung des Terminals 2 am Münchner Flughafen, welche durch die schiere Größe einen unstrittigen Sonderplatz eingenommen hat. Soweit ich mich erinnere, waren dort zur heißen Bauphase 102 Hochbaukräne zeitgleich im Einsatz, was den deutschen Kranmarkt seinerzeit ziemlich unter Druck setzte. Ebenfalls sehr besonders war die Planung des Kigali-Konvention Centers in Ruanda mit der größten Kuppel Aftrikas. Die Kombination aus deutschem Planungsstab, dem Staat Ruanda als Auftraggeber sowie einem Generalunternehmer aus Peking war durchaus lehrreich.
To: Die drei genannten Projekte hattest du ja noch als Projektleiter im Büro Fuchs bearbeitet. Gibt es denn schon besondere Highlights aus den letzten sieben Jahren FTR?
Th: An eine Elbphilharmonie ist schwer anzuknüpfen. Aber die Erweiterung des Terminal 1 am Münchner Flughafen, oder die Sanierung des VTW3 im denkmalgeschützten Münchner Tucherpark-Ensemble, oder auch die schon angesprochene Erweiterung des Bundeskanzleramts mit seinen hohen Sicherheitsanforderungen sind schon auch Höhepunkte. Manchmal sind es aber gerade die ganz kleinen Projekte, die einen besonderen Status einnehmen. So ist der Museumsneubau des Retti-Palais in Ansbach, der in Kürze eingeweiht werden wird, ein fassadentechnisch besonders schwieriges Projekt gewesen. Schlussendlich ist daraus ein wunderbares Kleinod entstanden.
To: Du hast die hohen Sicherheitsanforderungen am Kanzleramt angesprochen. Was hat sich denn in den vergangenen 30 Jahren an der Planungsarbeit eines Fassadenplaners verändert?
Th: Fast alles. Erstens muss heute alles fünfmal schneller gehen. Wir hatten damals gerade erst ein Fax installiert, die wesentliche Kommunikation ging eigentlich per Briefpost. Richard Fuchs war berühmt für seinen 3 mm dicken 6B-Bleistift, der grundsätzlich in seiner Hosentasche bereit lag, um zu jedem Thema eine schnelle und präzise Handskizze zu erstellen. Das habe ich mir von ihm abgeschaut. Auch ich mache noch immer 1:1 Handskizzen, weil ich glaube, dass man mit einer 1:1 Skizze mehr Verständnis für eine Konstruktion entwickelt, als wenn man sie in einem beliebigen Zeichenmaßstab im CAD direkt erstellt. Wie sich das echte Verständnis vor allem für Anschlusssituationen mit dem zunehmenden Einsatz von BIM entwickeln wird, vermag ich noch nicht vorherzusehen. Insofern haben sich die Arbeitsmethoden natürlich massiv verändert.
To: Und rein inhaltlich?
Th: Dort ist es nicht anders. Selbstredend hat sich die Architektur erheblich fortentwickelt. Dazu kommen heutzutage eine Fülle an zusätzlichen technischen Anforderungen, die es früher in dieser Tiefe so nicht gab. Betrachten wir nur einmal den Wärmeschutz. Als ich als Fassadenplaner angefangen habe, da war die Wärmschutzverordnung 1995 noch druckfrisch. In der Zwischenzeit wurden diese Vorgaben achtmal angepasst und verschärft. Oder schauen wir auf die heute für uns so wichtige Normenreihe 18008 zur Glasbemessung. Vor 30 Jahren gab es dazu noch überhaupt keine Regeln. Das sind nur zwei Beispiele. Die Gebäudehülle ist heute viel komplizierter als sie vor 30 Jahren war. Und will man zukünftig klimaresilientere Gebäude erstellen, wird ihr eine noch größere Rolle zukommen.
To: Was würdest du dir für die Zukunft der Fassadenplanung wünschen?
Th: Wie schon gesagt, die Fassade/Gebäudehülle ist heute eines der komplexesten Gewerke im Hochbau. Sie ist obendrein eines der teuersten und ohne Zweifel eines der schadensträchtigsten Gewerke. Es ist daher sehr schade, dass viele Auftraggeber die Notwendigkeit einer Fassadenfachplanung, die auch früh genug in den Prozess eingebunden wird, noch immer nicht erkennen. Leider sind unsere Leistungen nicht in der HOAI erfasst und so fällt die Fassadenfachplanung gerade in harten Zeiten wie jetzt, allzu gerne als erstes vermeintliches „Nice-To-Have“ aus dem Planungsbudget heraus. Die vielen Anfragen für Schadensbegutachtungen belegen, dass es sich dabei um eine kostenintensive Fehlentscheidung handelt. Ich würde mir daher wünschen, dass allen voran auch die öffentlichen Auftraggeber den unzweifelhaften Nutzen einer Fassadenfachplanung von der ersten Leistungsphase an erkennen und mit im Planerstab beauftragen.
To: Da bin ich im eigenen Interesse natürlich sehr gespannt, wie es sich weiterentwickeln wird. Herzlichen Dank für die persönliche Zwischenbilanz und alles Gute für die kommenden Jahre.